Wir singen Lieder, wir singen sie mit voller Kraft und Überzeugung in die Welt hinaus. Wir bringen sie unseren Jüngeren bei. Wir hoffen, dass die Lieder für unsere Jüngeren die gleiche Bedeutung bekommen, die die Lieder für uns haben, dass Sie damit wie wir wunderschöne Momente und Gefühle verbinden.

Alle Lieder die wir singen, singen wir, weil wir sie mögen, weil sie uns etwas vermitteln, weil wir sie mit etwas verbinden.
Aber womit verbinden wir sie? Was vermitteln uns die Lieder? Was sollen sie uns vermitteln?
Welchen Hintergrund hat das Lied?
Einigen ist aufgefallen, dass sie sich das zu wenig gefragt haben. 

Woher kommt das Liedgut aus unseren Büchern?
In wahrscheinlich den meisten Liederbüchern befinden sich Lieder von Erich Scholz, besser bekannt unter seinem Fahrtennamen Olka.
Scholz war Nazi und freiwillig der Waffen-SS beigetreten.

Das Thema wurde zum Mittelpunkt einer Diskussionsrunde. Dazu trafen sich von Freitag auf Samstag verschiedene Pfadfinderbünde (Graue Reiter, Lorien und Antares) und Artabaner an der Hütte der Neuen Trucht.
Wir lasen einen Text aus dem „Eisbrecher" in kommentierter und ergänzter Fassung.
Für einige war es ganz neu, von Olka zu hören, andere hatten sich bereits mit ihm beschäftigt.
Den Anstoß zu einer Auseinandersetzung über Olka gibt immer wieder seine Lebensgeschichte. Vom Jugendbewegten zum leitenden Waffen-SS-ler und Lagerkommandant und später wieder bekannt in der Jugendbewegung... das wirft die Frage auf, welcher Gesinnung er war. War er während des dritten Reichs Mitläufer oder treibende Kraft?
Er selbst äußerte sich erst spät zu seiner Zeit unter Hitler, in seiner Schrift „Die Unruh".
Auf seinem Zwangsevakuierungsmarsch am Ende des Krieges vermied er unnötiges Blutvergießen. Er ließ die marschfähigen Häftlinge seiner 4. Baubrigade frei, einen Tag bevor sie auf die Amerikaner stießen.
Die nicht Marschfähigen seiner Baubrigade und die Juden aus Makenrode erlebten das Kriegsende nicht mehr. Auch sie unterstanden seiner persönlichen Verantwortung. Die Überlebenden hielten ihm sein Verhalten zu Gute.
Doch war man als SS-ler und Kommandant nicht ohnehin wesentlicher Antrieb für Hitlers Tötungsmaschinerie?
Gibt es etwas Gutes eingebettet im Schlechten?

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Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass für manche das Thema so unangenehm ist, dass sie die Lieder von Olka nicht mehr singen können.
Andere sehen die Problematik, welche die Lieder mit sich bringen; für sie wäre es aber ein großer Verlust, diese Lieder nicht mehr zu singen, da sie mit tollen Fahrten und Erlebnissen verbunden werden.
So wie man sich nicht das Wandern, den Abend am Lagerfeuer und die Begeisterung in der Gemeinschaft nehmen lassen muss, nur weil die Nazis bereits diese Elemente für sich missbrauchten, ist eine mögliche Einstellung: „Wer auch immer diese Lieder gesungen hat, für einen selber haben sie neue, eigene Bedeutungen".
Nur wenige Lieder entstanden während seiner SS-Zeit. Und die Texte transportieren nicht unbedingt nationalsozialistischen Inhalt. Allerdings Gefühle von Heimat und Stolz.

Es kann passieren, dass man Olkas Lieder als Jüngerer mit Begeisterung lernt, und man sehr erschrickt wenn man dann erfährt, dass ihr Verfasser ein Nazi war.
Die Fragen, die aufkommen, sind größer als bei Liedern, welche wir mit einem Schmunzeln über ihre politische Ungenauigkeit oder ihre Naivität weiterhin begeistert singen können. Seien es Lieder über das Klischee des „lästigen Weibes", oder über Mord und Totschlag als Wiegenlied. Denn bei diesen Liedern ist offensichtlich, über was wir stolpern. Man merkt schon als Jüngerer, dass gerade weder Gleichberechtigung noch Weltfrieden besungen werden.
Bei den Liedern Olkas ist es anders, denn da stoßen wir uns weniger am Inhalt als am Wissen um den Verfasser.
Doch woran kann man einen Menschen messen? An seinen Taten? Seinen Ansichten? Seinen Werken?
Und woran misst man dann ein Lied? An seinem Inhalt? Seinem Verfasser? Oder an den eigenen Empfindungen, während man es selber singt?

Soll man einem Jüngeren erklären, dass nun ein Lied gesungen wird, dessen Verfasser zu einem verachtenswürdigenden System beitrug?

Sicher, wenn er von sich aus danach fragt. Aber sonst? Wieso singt man dann überhaupt dieses Lied? Oder ist es wichtig zu singen, egal was?

Aus Rücksicht auf andere kann vielleicht abgeschätzt werden, ob man in einer großen Singerunde von vornherein auf bestimmte Lieder verzichtet, es gibt unzählige andere und man kann noch viele neue dazulernen. Denn niemand sollte mit einem komischen Gefühl singen müssen und niemand sollte zum stummen Warten auf andere Lieder gezwungen werden. Möglich ist auch, eine bestimmte Strophe eines Liedes weg zu lassen, wenn man den Rest des Liedes gerne singt.

Unser Gespräch endete nicht in einem gemeinsamen Entschluss, abgesehen von der Meinung, dass in den einzelnen Bünden die Diskussion über Olka fortgeführt werden sollte.
Wir sangen zum Schluss noch das Lied „Was ließen Jene", manche kräftig, manche nur zuhörend.
Ein seltsames Gefühl blieb bei vielen zurück, ein Gefühl von Unverständnis, wie es vorher so nicht war. Unverständnis gegenüber Erich Scholz und seinem Leben, das uns undurchsichtig erscheint.

Manu & Leoni

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